Offener Brief
Gegen sexualisierte Gewalt im Internet
Der Fall von Collien Fernandes macht deutlich, wie Frauen im Internet die Zielscheibe von sexualisierter Gewalt werden. Sexualisierte Gewalt ist nicht einfach da. Sie wird ausgeübt. Von Männern. Die Politik schaut weg und Tech-Oligarchen machen Profit. Damit muss jetzt endlich Schluss sein!
Die Kernforderungen
Wir fordern ein Verbot von Deepfake Anwendungen & Nudify-Apps, die sexualisierte Inhalte ohne Zustimmung der Betroffenen produzieren.
Wir fordern eine konsequente Regulierung von Plattformen wie Facebook oder X.
Wir fordern deutlich mehr Mittel für den Kampf gegen sexualisierte Gewalt.
Erstunterzeichner*innen
Lisa Christ, Kabaretistin
Renato Kaiser, Satiriker
Franziska Schutzbach, Autorin
Marlene Reusser, Radsportlerin
Jetzt unterschreiben:
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Offener Brief: Sexualisierte Gewalt im Internet stoppen
Sehr geehrte Bundesrätinnen, sehr geehrte Bundesräte
Wir sind fassungslos und wütend darüber, was Collien Fernandes in Deutschland widerfahren ist. Schon wieder sehen wir, wie eine Frau im Internet zur Zielscheibe sexualisierter Gewalt wird. Schon wieder sehen wir, wie eine Frau mit neuen Technologien missbraucht und entwürdigt wird. Und schon wieder müssen wir mit erschreckender Klarheit festhalten: Das ist kein Einzelfall. Das hat System.
Dieses System wirkt auch hier, in der Schweiz. Sexualisierte Gewalt ist kein abstraktes Phänomen, sie ist für viele Frauen und LGBTIQ+-Personen bittere Realität. Mindestens jede fünfte Frau hat bereits ungewollte sexuelle Handlungen erlebt. Belästigungen, Drohungen oder das ungefragte Erstellen und Verbreiten intimer Bilder sind kein Randphänomen – sie sind für viele trauriger Alltag.
Diese sexualisierte Gewalt ist nicht einfach da. Sie wird ausgeübt. Von Männern. Und sie wird von patriarchalen Strukturen ermöglicht, die zu vielen Männern das Gefühl und die Sicherheit geben, straflos über die Würde, die Integrität und den Körper von Frauen verfügen zu können.
Der digitale Raum hat diese Gewalt nicht nur sichtbarer gemacht, sondern massiv verschärft. Er macht sie schneller. Er macht sie öffentlicher. Und für die Täter oft folgenlos. Neue Technologien geben Tätern ein zusätzliches Mittel in die Hand, um Frauen gezielt zu erniedrigen.
Besonders alarmierend ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz: Mit Deepfakes und Nudify-Apps können täuschend echte sexualisierte Inhalte erstellt und rasend schnell verbreitet werden – ohne Wissen oder Zustimmung der Betroffenen. Frauen, Jugendliche, Kinder werden digital ausgezogen, sexualisiert, missbraucht und öffentlich ausgestellt. Das ist kein digitales Kavalierdelikt. Das ist Gewalt. Patriarchale Gewalt.
Zu oft wird die Verantwortung den Betroffenen zugeschoben. Jede zweite Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, schweigt. Nur ein Bruchteil der Fälle wird angezeigt. Aus Scham. Aus Ohnmacht. Und weil viele wissen: sie werden nicht ernst genommen.
Und was tut die Politik? Sie schaut zu. Sie wartet ab. Sie überlässt den Kampf den Betroffenen. Und sie stützt damit das patriarchale System der Gewalt. Damit muss jetzt endlich Schluss sein!
Wir sagen klar: Die Scham muss die Seite wechseln.
Wir sagen klar: Sexualisierte Gewalt im Internet ist kein individuelles Problem. Sie ist Ausdruck einer patriarchalen Kultur.
Wir sagen klar: Es ist ein politisches Versagen, dass Frauen im digitalen Raum noch immer nicht vor männlicher Gewalt geschützt sind.
Wir fordern den Bundesrat auf, endlich zu handeln:
Wir fordern ein Verbot von Deepfake-Anwendungen und Nudify-Apps, die sexualisierte Inhalte ohne Zustimmung der Betroffenen produzieren: Denn was einmal ins Internet gestellt wurde, verschwindet nie wieder.
Wir fordern eine konsequente Regulierung von Plattformen: Plattformen tragen Verantwortung für das, was auf ihnen passiert. Sie müssen verpflichtet werden, sexualisierte Gewalt rasch zu entfernen, wirksame Meldestellen bereitzustellen und Betroffene aktiv zu schützen.
Wir fordern deutlich mehr Mittel für den Kampf gegen sexualisierte Gewalt: Übergriffe entstehen in einer Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt toleriert und reproduziert. Um diese Kultur zu brechen, braucht es deutlich mehr Mittel – für den Opferschutz, die Prävention und die Täterarbeit.
Der digitale Raum ist Teil unserer Gesellschaft. Er darf kein rechtsfreier Raum sein. Wir erwarten vom Bundesrat klare Antworten und entschlossenes Handeln. Jetzt. Und wir stehen solidarisch an der Seite von Collien Fernandes und allen weiteren Betroffenen.
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Erstunterzeichner*innen
Franziska Schutzbach, Autorin | Lisa Christ, Kabaretistin | Lisa Mazzone, Präsidentin GRÜNE Schweiz | Natalia Widla, Autorin | Renato Kaiser, Satiriker | Sibel Arslan, Nationalrätin | Raphaël Mahaim, Nationalrat | Patrizia Laeri, Unternehmerin | Miriam Suter, Autorin | Elgantine Jamet, Soziologin | Anna Rosenwaasser, Nationalrätin | Anne-Sophie Keller, Journalistin | Sonja Riesen, Schauspielerin | Marlen Reusser, Radsportlerin | Coline de Senarclens, Kolumnistin | Léonore Porchet, Nationalrätin | Anna-Béatrice Schmaltz, Expertin Prävention geschlechtsspezifische Gewalt | Thomas Wiesel, Satiriker | Yann Marguet, Satiriker | Mandy Abou Shoak, Kantonsrätin | Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt und Opferberatung
Organisationen
Frauenzentrale Bern | Helvetiarockt | Netzwerk Avanti | GRÜNE Schweiz | Fachstelle Gewalt Bern | Junge Grüne Schweiz | EKdM - Eidgenössische Kommission dini Mueter | Santé sexuelle suisse | FIZ – Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration | FemWiss – Verein Feministische Wissenschaft Schweiz | Collettivo Io lotto ogni giorno Ticino | JUSO – Jungsozialist*innen Schweiz | Brava – ehemals TERRES DES FEMMES | Die Feministen | Männer.ch | Büro für Feminismus | Pink Cross | solvio – Schweizerischer Dachverband für Gewaltprävention | weitere folgen…